Tagebuch – journal – diary

October 29, 1983

Ein Karl Marx-Seminar und was ich damals verstanden habe

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zum Vortrag ANGST VOR MARX, von Prof. E. Buess, Theologe, Basel 29. Oktober 1983.

Prof. Buess stellt die Frage ANGST VOR MARX anders, indem er sich selber fragt: was verliere ich mit Marx, ich, der Gutsituierte, der Besitzer, derjenige, der im Komfort sich solche Fragen stellen kann. Und er fährt weiter: Marx ist für viele auf dieser Welt nicht eine Quelle der Angst, sondern eine Hoffnung, ein Verteidiger und ein Ansport.

Es geht ihm letztlich um die Frage, ob wir als Christen noch fähig sind, die Forderung zu erfüllen, die im Evangelium zur Erfüllung der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen gesetzt sind und als Nächstenliebe, das sich selbst in Frage stellen, Kompromisse zwischen Selbstbehauptung und Entgegenkommen dem Anderen, dem Nächsten gegenüber, darstellen.

Gerade dieser Akt des Entgegenkommens wird als die Vorstufe zur Nächstenliebe empfunden. Ein Mensch, der noch nicht diese Liebe in sich empfindet, kann wohl aber berührt sein von der Armut seiner Mitmenschen, die ja nicht nur durch eigenes Verschulden, wie unsere Zivilisation so sehr betont, um den Leistungszwang der Mitbürger herauszufordern, sondern durch Mitmenschen, die Eigennutz und Egoismus und Gewinnsucht zu vorderst stellen, in diese Lage erst versetzt wurden.

Ein solcher Mensch und wir alle gehören wahrscheinlich mehr oder weniger zu dieser Kategorie, der zwar nicht spezielle Nächstenliebe in sich empfindet, aber dafür genug Verstand bzw. Ehrlichkeit besitzt, die Armut seiner Mitbürger festzustellen, eine solcher Mensch fragt sich wohl bald: ja, was ist denn die Ursache dieser Armut?

Und wenn er an diesem Punkt auf die Schriften von Karl Marx stösst, oder mit Menschen zusammenkommt, die ihm davon erzählen, dann ist der Schritt zum Karl-Marx-Leser, und später eventuell zum Karl-Marx-Verteidiger leicht beschritten.

Dieser Schritt wurde zwar nicht gemacht, aber als möglich dargestellt.

Marx kann von zwei Grundfragen aus bearbeitet werden:

a) Analyse seiner Gegenwartskritik bzw. Systemkritik,
b) seine vorgeschlagene Therapie.

Wenn wir Mark in seiner Analyse folgen, dann stellen wir fest, dass viele seiner Behauptungen auch heute noch gelten, wenn sie sich auch verschoben haben. Wir haben kein echtes Proletariat mehr in unseren Ländern, weil wir es in die dritte Welt exportiert haben. Die ganze industrialisierte Gesellschaft führt sich wie ein einziger, geschlossener Arbeitgeber auf, zu dem wir alle gehören, bzw. den wir alle sind für die 3.Welt-Leute.

Wenn wir selber in den industrialisierten Ländern Arbeitnehmer sind, so merken wir nicht, dass Marx uns nicht mehr als solche anspricht, sondern als globale Gruppe gutsituierter Menschen wollen wir die HART erarbeiteten Privilegien nicht mehr loslassen, wie früher die Industrieherren zur Zeit von Marx.

Die industrielle Gesellschaft mit ihrem System von Kapital bzw.Zins, das dieses Kapital abwirft, wobei alle Kleinsparer an dieses System angeschlossen und durch das Gewinnversprechen zu Komplizen werden, dieses System hat AUSWEITUNG, Expansion, das heisst Eroberung von noch nicht integrierten Gebieten nötig, die es bewirtschaften kann. Das heisst, wo es Arbeiter findet, die billig arbeiten und dafür teure Produkte kaufen. Die Etappen dieser Eroberung fanden zur Zeit von Marx in unseren Armenvierteln der Industrieländer statt, später kam das restliche Europa dazu, und jetzt ist die dritte Welt ein einziges grosses Hungergebiet mit ein paar gesunden Inseln, die durch Spezialprotektion oder Spezial-Arrangements bewahrt blieben.

Eine solche Gesellschaft kann solche Armutsgebiete nur dann in reiche Gesellschaften wie wir es sind ändern, wenn die dadurch entstandenen Vakuums für den Profit noch anderswo ausgeglichen werden, die ihrerseits dazu dienen, ausgepumpt zu werden.

Brasilien ist dafür im Moment (1983!) ein klares Beispiel: das ärmste Land der Welt (nach der Zins-Schuld gerechnet) ist zugleich eines der reichsten Länder der Welt, wenn man Bodenschätze, Klima und die Menschen betrachtet.

Nur eine kapitalistische Wirtschaft ist fähig, ein solches Potential in ein Chaos zu verwandeln.

Ein solches System, das in einem Körper wuchert, nennt man Krebs. Wenn bei einem Menschen der Krebs wuchert, geht man gegen ihn vor, sonst stirbt der Mensch. Mit der ökonomischen Realität der Menschen ist es das Gleiche: wer auf Kosten anderer lebt, handelt nicht im Sinne der christlichen Lehre, sondern dessen, was in dieser Schrift als Satan bezeichnet wurde, d.h. als eine Entität, die NICHT auf die anderen eingeht, sondern seine Herrschaft als Dominanz verstanden haben will.

Es wird weiter analysiert von Prof. Buess, was denn die Gruppenbildungen und die Nicht-Solidarität bewirkt. Weil wir nicht freie Wesen sind, sondern unser Sicherheitsbedürfnis uns die Gruppen mit Bannern und Parolen zusammenschliessen lässt, die sich gegenseitig Angst machen und sich bekämpfen, wird die Lösung der Armut bzw. die Forderung der Bibel, die Nächstenliebe auch Praxis werden zu lassen, so erschwert.

Wir haben heute (1983 – und natürlich auch heute im 2011) eine Möglichkeit, im Gespräch, in der Diskussion Brücken zu bauen, Verständnisse zu wecken, nach Taten zu rufen, d.h. Aktionen einzuleiten.

Die Urfrage, die schon anderswo gestellt wurde, d.h. WIE KANN ZINS ERSETZT WERDEN ALS MOTOR FüR LEISTUNGEN, wenn dieser Zins doch die Ursache ist für die Ausbeutung bzw. Gewinnsucht?

Diese Frage wurde nicht genau gestellt, noch genau versucht, einen Ansatz für eine Antwort zu finden, ausser der Forderung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dies wird sicher die magische Hauptformel sein, oder ein Ansatz dazu. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Im Forum während der Diskussion wurde noch um Begriffe gestitten, das Wesentliche schien neben an liegen zu bleiben (für mich).
(Geschieben am 3. November 1983 von Heidi Barathieu-Brun).

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